Posterous theme by Cory Watilo

Hundert Meter ein Groschen ...

Ähnlich aufregend ließe sich auch das Handwerk des Lektors (vor der digitalen Revolution) beschreiben:

Das ist Herr M. ... Herr M. ist Lektor ... Wenn Herr M. Zeit hat, geht er gerne mal ins Kino oder trifft sich mit Freunden ... Herr M. lektoriert Texte ... Hundert Zeichen ein Groschen ... Warten auf den nächsten ... Starten ... Kaffee eingießen ... Hinsetzen ... Rotstift zücken ... Los gehts ... Lesen ... Stirn runzeln ... Schalten ... Umblättern ... Lesen ... Stirn runzeln ... Im Duden nachschlagen ... Stelle rot markieren ... Notiz an den Rand schreiben ... Umblättern ... Hundert Zeichen ein Groschen ... Kaffee nachgießen ... Lesen ... Umblättern ... Lesen ... Zurückblättern ... Stelle rot markieren ... Notiz an den Rand schreiben ... Rechter Rand ... Linker Rand ... Hundert Zeichen für einen Groschen ... Zwischendurch Schweiß von der Stirn wischen ... Rotstift putzen ... Und wieder lesen ... Umblättern ... Stirn runzeln ... Tanken ... Und wieder lesen ... Von morgens um sieben bis abends um sieben ... Heute hat Herr M. zwei Texte lektoriert ... Dabei hat er zwanzig Milliliter rote Tinte und einen Liter Kaffee verbraucht ... und neunhundertzweiundvierzig Groschen eingenommen. [Am Ende Schnitt auf eine hämisch lachende Goethepuppe, die rote Tinte über ein Manuskript verschüttet.]

Ein Traumberuf - nicht wahr, liebe Kinder?

»Alright boots, now start walkin'«

inspiration

thanks to Johan Potma habe ich jetzt ein neues inspirationsmarterl für die wand über meinem schreibtisch.

it reads:
»Nothing is original. Steal from anywhere that resonates with inspiration or fuels your imagination. Devour old films, new films, music, books, paintings, photos, poems, dreams, random conversations, architecture, bridges, street signs, trees, clouds, bodies of water, light and shadows. Select only things to steal from that speak directly to your soul. If you do this, your work (and theft) will be authentic. Authenticity is invaluable; originality is non-existent. And don't bother concealing your thievery – celebrate it if you feel like it. In any case, always remember what Jean-Luc Godard said: ›It's not where you take things from, it's where you take them to.‹«
... und passt wunderbar (nicht nur) zum zozoville-kalendarium rechts daneben, das, wie es der zufall will, gerade ein bild desselben künstlers zeigt.

(download)

 

Mänsch!
Meine Omma, die konnt Brote schmiern!
So dünn die Butter aufer Krume!
Sie war ein schlesisches Hausmädchen
Da hat man nicht viel!

Meine Omma, die hatte sieben Kinder
Das achte blieb tot im ersten Mond
Sooft sie schwanger war, ging der Mann ihr fremd
Und im Krieg, da starb ihr der Mann einfach weg
War beim Minensuchtrupp – hat auch Minen gefunden!

Und meine Omma floh aus ihrm schlesischen Heim fünfundvierzig
Mit sieben Kindern aufer Flucht – ins »Heim«
Kaum was zu beißen
Nix im Gepäck!

Mänsch!
Meine Omma!
Und so dünn die Butter aufer Krume!

 

* * *

Meine Omma hatte in ihren späten Jahren die Angewohnheit, viel fernzusehen und die meiste Zeit dabei zu verschlafen, besonders morgens, wenn das Frühstück getan und zunächst keine weitere Arbeit anstand. Dann konnte es geschehen, daß der Fernseher lautstark lief und, während ich selbst in Essen und Schauen abwechselnd vertieft war, plötzlich ein Röcheln vernehmbar wurde, das aus der Omma im Sessel gegenüber kam und immer etwas unheimliches hatte. Meist aber schlief sie fast lautlos, so daß ich mich von Zeit zu Zeit, wenn ich die Stille nicht mehr ertragen konnte, bangen Blickes versicherte, daß sich ihr Brustkorb immer noch hob und senkte.

Als sie noch nicht schlief, summte sie häufig mit oder nach, was sie im Fernsehen hörte, besonders die Melodien aus den Heimatfilmen der 50er Jahre; und noch früher, als sie lieber Radio oder Langspielplatten, die üblichen Operetten- und Heimatliedermedleys, hörte, da summte und sang sie dazu. Und da sie durchaus nicht nur zu solchen Gelegenheiten summte und sang, nicht lauthals, aber doch klar vernehmlich, sondern bei jeder ihrer vielen kleinen Tagwerke, hatte diese Marotte für mich immer etwas waschweibhaftes und konnte mir ungeheuer auf die Nerven gehen. Später dann, als sie fast nur noch schlief und kaum mehr summte, fehlte mir etwas, es machte sie sterblicher, sie entglitt langsam.

Meine Omma war keine religiöse Frau, was früher, als meine andere Großmutter noch lebte, regelmäßig zu gehässigen Sticheleien von nämlicher Seite führte. Sie ging in die Kirche, wenn Anlaß dazu bestand, an Weihnachten etwa oder bei Beerdigungen. Wallfahrtsstätten, die sie früher zusammen mit meiner anderen Großmutter, als die noch rüstig war, und etlichen älteren Leuten aus unserem Dorf besuchte, waren für sie, wie die heiligen Stätten, die sie aus dem Fernsehen kannte, »schön« oder »groß«, nichts weiter. Sie betete auch nicht. Zu Weihnachten und Ostern schaute sie sich im Fernsehen den Segen des Papstes über die Stadt und den Erdkreis an und bemerkte dazu, wie gebrechlich der Mann doch wirke, dabei sei er doch so viel jünger als sie.

Einmal, es war Ostern, schauten wir zum Frühstück einen dieser Historienschinken über das Leben Jesu. Meine Omma schlief die meiste Zeit, nur manchmal verstummte plötzlich ihr Röcheln, sie richtete sich in ihrem Sessel auf und fragte schlaftrunken: »Na, haben sie ihn schon aufgehängt?«

 

* * *

Achtundneunzig Jahre alt wärest du heute geworden, und in Ermangelung eines Himmels habe ich dir deinen Lieblingssessel in meiner Erinnerung aufgestellt. Manchmal höre ich dich leise summen, dann weiß ich: Es geht dir gut.

PROSA hosenlos: Zwei Crauss-Lesungen in Berlin, 31.01./01.02.2010

[Mal ein bisschen Werbung in nicht eigener Sache (Text aus einer Rundmail des Motorradhelden) ...]

konzeptionelle gewitztheit und der ironisch emphatische gestus einer sprachkunst, die nicht nur still gelesen werden will, prägen CRAUSS' prosaband MOTORRADHELD. das buch versammelt verrückte stories und melancholische jugenderinnerungen wie „siebengebirge paradies rheingold“ oder eine szene über die ersten liebesblicke im café – mit acht! daneben ergiesst der autor sich in einer hommage an James Last, den meister des easy swing, und an Isaac Hayes, den Gott aller 12_incher, jawbreaker und 70er_jahre verfolgungsjagden. erotisches wie wahres wirkt, wenn Crauss auftritt. die titelgeschichte des buchs zB. handelt vom stuntman Evel Knievel, der so cool war, dass eine spielzeugfirma ihn sogar als plastikfigur auf den markt brachte. in texten, die sind wie „poesie über explodierenden krokussen“ spielt Crauss seine qualitäten auf höchst originelle weise aus. in einem fiktiven brief oder selbstgespräch setzt der autor eine bemerkenswerte erinnerungsbewegung in gang, in der wir uns selbst wiederfinden.

Lesung No. 1:

SO 31.01.2010
19:30
MOTORRADHELD. EIN GEHEIMNISBUCH
FRIEDRICH KRÖHNKE & CRAUSS in der lettrétage, dem jungen literaturhaus; methfesselstraße 23-25, berlin_kreuzberg

KRÖHNKE & CRAUSS. CRAUSS & KRÖHNKE. texte und töne. sucht und sehn_sucht. CRAUSS stellt die deutschlandtexte aus MOTORRADHELD vor, FRIEDRICH KRÖHNKE liest aus seinem neuen roman (EIN GEHEIMNISBUCH_ammann verlag), vor allem aber unveröffentlicht intimes aus reisetagebüchern. CRAUSS zieht texten über 12_incher & jawbreaker die hosen herunter. prosa für alle fälle, westdeutsch_berlinische performance mit selbstaufgelegter musik.

Friedrich Kröhnke lebt in berlin. er beschreibt sein eigenes leben, vor allem aber erzählt er geschichten von der liebe: „bei heftigem schneetreiben erzählt ein mann in einem zug einem anderen die bis zum äussersten furchtbare geschichte, die ein in dieser landschaft niedergelassener arzt erlebt hat. langsam, nach und nach, ganz ruhig erzählt er sie.“ in seinem GEHEIMNISBUCH geht es ums erwachsenwerden und die erste sinnliche begegnung mit büchern, um die geröteten wangen beim verschlingen von allem, was man als jugendlicher in die hände kriegen kann: „kriminalromane! taschenbücher! reihen! gegenstand seiner sehnsucht. heimlich blättert ein kleiner Abel in Edgar Wallace’ krimis, die im arbeitszimmer seiner mutter liegen. das papier ist holzig, aber neu und frisch.“ man liest die geschichte der brüder Abel und Alexander und bekommt unweigerlich lust aufs lesen. aus den aufmüpfigen kindern werden verschrobene männer. "die handlung ist in london." die handlung ist in indien und mexiko. die handlung ist in "einem verborgenen zimmer" in berlin-tiergarten und schliesslich in einem keller in saarbrücken, in dem sich das geheimnis enthüllt, das gefährlich süchtig macht.

Crauss ist MOTORRADHELD

Lesung No. 2:

MO 01.02.2010
20.30
MOTORRADHELD. DAS ALTE LIED VON DER GEPANZE
in der reihe montagsdemonstrationen > perspektive literatur berlin e.V.
perspektive laden körtestr. 3, berlin_kreuzberg (U südstern)

"nach meinem dafürhalten stehen viele von CRAUSS' arbeiten thematisch und formal mit grösserem recht für eine 'junge', innovative literatur als so manches seiner jüngeren kollegInnen – auch wenn der gute CRAUSS baujahrsmäszig nicht mehr ganz in die kategorie U35 fällt."
(Paul Pechmann, ebenfalls knapp Ü35)

CRAUSS liest an diesem abend vor allem MOTORRADHELD_prosa, die vormals in der zeitschrift perspektive abgedruckt war: das alte lied von der gepanze, biertrinken in graz, Matthias Claudius-parodien – alles mit viel sexappeal und steirischem gemüt!

alles übers buch gibts auf WWW.CRAUSS.DE sowie bei RITTERBOOKS